Wie mich das Reisen verändert hat – Über Fernweh und Veränderung

Reisen ist spannend, aufregend, bildet und hilft Vorurteile abzubauen – das alles ist allgemein gültig in den Köpfen vorhanden und stimmt meist auch (spannend und aufregend ist es nicht immer 😉 ). Aber wie hat es uns als Familie und mich persönlich, Nina, das Reisen verändert? Wie haben sich meine Prioritäten und Ansichten verschoben? Wie beeinflußt es unsere Familie? Darüber werde ich heute in diesem sehr persönlichen Artikel berichten.

Wieso mich dieses Thema gerade beschäftigt

„Seitdem Du mir immer von Deinen ganzen Reisen erzählst, überlege ich auch mal ein paar Monate auszusteigen. Was meinst Du dazu?“ – so in etwa sprach mich vor ein paar Tagen ein Freund an. Was ich antwortete? „Ja, klar, mach das auf jeden Fall! Es gibt so viel zu entdecken und es wird Dein Leben für immer verändern.“

An diesem Punkt stockte ich. Ich fuhr fort: „Es wird dich wirklich verändern. Vielleicht geht es dir dann wie mir und Dir auf einmal bewußt wird, dass das typische Leben, fünf Tage arbeiten, dann Wochenende und einmal im Jahr in den Urlaub, Dich nicht mehr glücklich macht. Seitdem ich angefangen habe zu reisen und die Welt zu entdecken, reicht mir das nicht mehr und ich möchte mehr! Mehr sehen, mehr erfahren, mehr entdecken. Mich beherrscht ein Fernweh, was dauernd danach schreit gestillt zu werden und das ist nicht immer einfach.“

Seitdem ich dieses für mich selbst erkannt hatte, überlege ich, ob es nicht einfacher gewesen wäre, wenn ich niemals meine erste lange Auszeit genommen hätte. [Zur Info: Nach meiner Ausbildung reiste ich von Juni 2005 bis September 2006 ich um die Welt. Wie ich meine Reiseleidenschaft entdeckt habe, erzähle ich demnächst in einem anderen Artikel.] Dann hätte ich dieses Gefühl der Freiheit, der Selbstbestimmung oder wie auch immer man das nennen will, nie kennengelernt, nie gemerkt wie es ist, wenn man nicht im Urlaub denkt „Oh die letzte Woche bricht an“ und würde heute vielleicht nicht mehr dauerhaft von Fernweh geplagt. Denn dieses Gefühl ohne Zeitdruck herumzureisen, ist einfach unbeschreiblich toll.

Oder lüge ich mir selbst in die Tasche? War dieses Fernweh nicht schon immer da? Habe ich nicht als Schüler schon jede Möglichkeit genutzt die Welt zu erkunden? Und durch die Langzeitreise ist der Virus nur richtig ausgebrochen und mir wurde klar, dass ich neben meiner Familie auch das Reisen brauche um glücklich zu sein? Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Wohl aber kann ich sagen, wie es sich anfühlt immer den Travel Bug in mir zu haben.

Nach der Reise ist vor der Reise

Wie fühlt sich das also an vom Reisefieber erfasst zu sein? In erster Linie ist es einfach toll. Zum Glück habe ich mit Sebastian und Karl eine Familie, die genauso gern reist und einfach interessiert an der Fremde sind. Zusammen verreisen wir mehrere Male im Jahr. Seitdem Karl geboren ist, haben wir sogar zwei Auszeiten von jeweils zwei Monaten genommen und diese Zeit wollen wir auf keinen Fall missen. Einmal ging es nach Thailand und Kambodscha, einmal nach Neuseeland.

Elternzeit Thailand

Familienauszeit in Thailand. Hier essen wir in einem Restaurant an unserem Lieblingsstrand. Die Erinnungen an unsere zwei Monate in Thailand und Kambodscha sind wunderschön und machen uns heute noch glücklich.

Bereits die Reiseplanung macht mir unglaublich viel Spaß. Ich surfe tage- oder eher wochenlang durchs Netz, sauge Informationen auf wie ein Schwamm und die Vorfreude steigert sich ins Unermessliche. Wenn es denn endlich losgeht, könnte ich vermutlich schon selbst einen Reiseführer über unser Reiseziel schreiben…. Irgendwie mache ich das mittlerweile auch hier in unserem Blog. 😉

Aber irgendwann ist auch der schönste und längste Urlaub zu Ende und dann sind wir wieder zu Hause.

Und das ist der Nachteil des Reisefiebers. Denn anstatt nach dem Urlaub einfach in Erinnerungen zu schwelgen, beginnt bei mir die nächste Urlaubsplanung. Ich fange wieder an zu suchen, überlege wo es hingehen könnte und  der Kreislauf beginnt von neuem. Es gibt einfach so viel auf der Welt zu entdecken und mich interessiert einfach alles.

Nach der Reise ist also immer auch vor der Reise. Das ist jetzt per se nicht schlimm. Aber ich spüre immer eine gewisse Unruhe in mir oder eher eine Sehnsucht nach fremden Eindrücken, Gerüchen, Geschmacksnuancen und hangel mich so von Urlaub zu Urlaub. Übrigens: Ob es dann drei Wochen Sizilien oder eine Woche in Heiligenhafen wird, ist hierbei fast egal. Mir ist wichtig rauszukommen, etwas anderes zu sehen und dem Hirn mal Urlaub von dem Alltagstrott zu geben.

Trapani Sizilien Italien Sonnenuntergang Torre di ligny

Unterwegs in Sizilien.

So, genug der Dramatik, denn immerwährendes Fernweh ist eigentlich ist das der einzige Nachteil meiner Reisesehnsucht und wenn ich überlege, was ich im Tausch dafür auf meinen Reisen erhalte, dann ist das ein geringer Preis.

Wie uns das Reisen glücklich macht

Macht uns Reisen wirklich weltoffen und aufgeschlossen? Das ist leicht zu beantworten, denn die Antwort ist ganz klar: ja. Es gibt sooo viele Gründe, weshalb das so ist, daher packe ich das nun einfach mal in eine Liste. Denn die Eindrücke, die wir auf der ganzen Welt erhalten, sorgen dafür,

  • dass wir uns positive Eigenschaften gern annehmen
  • dass wir relaxter werden
  • dass wir die Bürokratie in Deutschland belächeln, denn in vielen anderen Ländern ist das viel schlimmer
  • dass wir Situationen anders bewerten können
  • dass wir offener gegenüber Neuem sind
  • dass wir viele neue leckere Speisen kennenlernen
  • dass wir uns öfters aus unserer gewohnten Komfortzone bewegen und so unbegründete Ängste vorm Fremden verhindern
  • dass wir unglaublich tolle Erinnerungen haben, die uns keiner mehr nehmen kann und die uns immer wieder glücklich machen
  • und dass wir viel intensive Familienzeit haben, die uns als Familie weiter zusammenschweisst.

Unsere Auszeiten und Urlaube geben uns als Familie und auch jedem persönlich sehr viel. Als Familie genießen wir es viel Zeit zusammen zu verbringen, ohne Zeitdruck und ohne das Gefühl „eigentlich müssten wir noch…“. Wir können stundenlang am Strand, auf Spielplätzen oder auf Entdeckungstouren bleiben und die Zeit zusammen genießen. Denn es wartet kein Haus, was geputzt werden muss, keine Einkäufe, die erledigt werden müssen und auch keine begrenzte Freizeit, die möglichst gut ausgenutzt werden will. Nein, wir verbringen einfach Zeit zusammen, machen worauf wir gerade Lust und versuchen uns möglichst nicht stressen zu lassen. Das ist für uns drei sehr wichtig und stärkt unsere Familienbande.

Koala Australien

Im Januar 2006 habe ich diesen freundlichen Australier getroffen. Er täuschte mich aber, denn er war nicht so flauschig weich, wie er aussah!

Great Ocean Road Twelve Apostols

Da bin ich vor einigen der 12 Apostols an der Great Ocean Road in Australien. Erinnerungen sind einfach unbezahlbar. Wenn ich das Bild sehe, spüre ich wieder den Sturm im Haar und höre das unendlich starke Rauschen des Meere.

Australien

Auch das ist Australien. Hier haben wir einen Ausflug mit unserer Couchsurfing Familie an die Küste in die Nähe von Adelaide gemacht. Kängurus sprangen vorbei und wir genossen das Panorama.

Movie Park Matrix

Auch auf Reisen kann man verloren gehen. Hier bin ich in der Matrix im Movie Park Brisbane verschollen.

Reisen verändert

Diesen Anhänger hat mir eine koreanische Freundin in Australien zum Abschied geschenkt. Ich weiß nicht mehr, was er bedeutet, aber ich habe ihn heute noch und wenn ich ihn in die Hand nehme, fühle ich die Verbundenheit und schwelge in Erinnerungen. So etwas kann man nicht kaufen.

Wie mich das Reisen verändert hat

Auch mich persönlich hat das Reisen sehr verändert. Ich bin viel relaxter geworden, dabei war ich immer schon ein eher unaufgeregter Typ Mensch. Früher habe ich zum Beispiel gern und leidenschaftlich beim Auto fahren gemeckert. Es war schon fast so eine Art Hobby. Nachdem wir in unserer Elternzeit einige Woche durch Thailand mit dem Auto gefahren sind, hat sich das geändert. Dort ist es viel chaotischer, da geht jemand zu Fuß, einer fährt mit dem Fahrrad, dort fährt ein Trecker, dazwischen ein Tuktuk, eine Brigade von Rollern und ein paar andere Fahrzeuge. Aber keiner meckert. Natürlich ist der Verkehr nicht der Schnellste, aber man kommt trotzdem am Ziel an. Ob das jetzt zehn Minuten früher oder später ist, ist doch auch letztlich egal. Also spare ich mir das Meckern auch in Deutschland und bin viel relaxter unterwegs. Es lohnt sich nicht sich über Sachen aufzuregen, die man nicht ändern kann.

Reisen verändert

Auch unterschiedliche Arbeit prägt. Cherrytomaten pflücken ist nicht halb so lustig, wie es hier aussieht. Danach ist ein Job in der Scheune der reinste Luxus. Denn dort gibt es einen Ventilator, Musik und Schatten. Trotzdem jeder Job macht, dass man seine Arbeit aus einem neuen Licht bewerten kann.

So zieht sich das durch viele Alltagssituationen. Wenn man erstmal sieht, wie andere Kulturen mit den Anforderungen des täglichen Lebens umgehen, kann man sich überlegen, ob der bisherige Weg auch der zukünftige bleiben soll. Ob man nicht entspannter ist, wenn man sich einfach weniger aufgeregt, Dinge auf sich zukommen lässt und sich nicht verrückt machen lässt vom großen unbekannten.

Nina hält die Freiheitsstatue auf der Hand.

Erster Stop auf meiner Weltreise: New York. Und auch die erste Enttäuschung, denn die Freiheitsstatue ist winzig! 😉 Trotzdem war es ein cooler Start. Das Bild ist aus Juni 2005.

Nina Bob Ross

Der erste (und einzige) Promi, den ich in Los Angeles getroffen habe: Bob Ross. Der großartige Maler aus dem Nachtfernsehprogramm.

Bei meiner langen Backpackerauszeit habe ich zum Beispiel nie ein Hotel vorgebucht. Anfangs war es ein komisches Gefühl morgens noch nicht zu wissen, wo ich abends schlafe. Aber es ergab sich immer was. Irgendwo gibt es immer ein Zimmer. Vielleicht ist es dann nicht das Schönste oder Beste, aber zumindest musste ich nie auf der Straße schlafen.

Campingbus Australien

Das war mein zu Hause auf Zeit in Australien. Mit meiner Reisebegleiterin kauften wir uns diesen Bus, bauten ihn selbst zum Camper um und fuhren in gut sechs Monaten einmal um Australien herum und durch die Mitte. Wir haben ihn „Comissar Sissi“genannt, weil im australischen Fernsehen die deutschsprachigen Serien „Comissar Rex“und „Sissi“ liefen. Insgesamt reisten wir 15 Monate, davon 10 Monate in Australien und sechs Monate in unserem Camper.

Oder damals in Perth, Australien. Dort wurde mir die Handtasche samt Pass und Arbeitsvisum geklaut. Große Katastrophe, zumal ich einen neuen Job anfangen sollte, bei dem ich beides benötigte. Außerdem hatte ich nur noch gut 300 $ übrig, sprich ich war auf den Job angewiesen. Was ich noch hatte, war mein Handy.

Ich war gerade ziemlich frustriert, da klingelte das Telefon und Brett rief an. Ein schwerbehinderter Mann bei dem ich mich mit einer Freundin am Tag zuvor als Pfleger beworben hatte. Da wir nur wenige Wochen bleiben wollten, hatte er abgelehnt, aber er wollte uns kennenlernen, denn er fand es unsere Geschichten spannend. Nun klingelte das Telefon, Brett fragte, wann wir rumkommen wollen. Wir erzählten ihm unser Dilemma und wollten erstmal zur Polizei. Brett sagte, kein Problem, kommt danach bei mir rum. Das machten wir dann auch. Am frühen Abend kamen wir in Bretts Haus an. Er freute sich sehr uns kennenzulernen und eröffnete uns gleich, dass er seinen anderen Nachtpflegern für die nächsten Wochen abgesagt hat, damit wir uns bei ihm was dazuverdienen können und außerdem könnten wir im Gästezimmer und auf dem Sofa übernachten. Wow! Wir waren geflashed von so viel unerwarteter Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Mein Ausweis wurde übrigens ein paar Tage später wiedergefunden. Ich fing meinen neuen Job an, aber wir übernahmen trotzdem den Nachtdienst bei Brett. Es war eine tolle Zeit und wir sind sehr gute Freunde geworden. Man muss sich das mal vorstellen, da ist ein schwer körperlich behinderter Mann (er hatte ein Art Muskelschwund, welches ihn von ständiger Betreuung abhängig machte), der zwei fremde Frauen einfach in sein Haus einlädt, uns unterstützt und uns seine Hilfe anbietet. Einfach so. Einfach um zu helfen und weil er ans Gute im Menschen glaubt. Sein Optimimus, Vertrauen und Freundlichkeit haben mich auf ewig geprägt.

Reisen verändert

Das ist Brett mit seinem Hund Chicki. Freunde fürs Leben und einer der besten Menschen, die ich auf meinen Reisen kennenlernen durfte.

Und so geh ich heute sehr offen und optimistisch durch die Welt. Denn die Welt ist nicht schlecht, auch wenn die Nachrichten den Eindruck vermitteln. Denn 99,99% der Menschen geht es wie uns, dir und mir, wir wollen einfach glücklich sein, unser Leben leben und unsere Lieben lieben. Und das sollten wir uns nicht von den paar Vollidioten kaputt machen lassen, über die immerzu berichtet wird oder die am lautesten schreien.

Fürs Glück ist jeder auch immer ein Stück weit selbst verantwortlich. Ein offenes Wesen, keine Angst vorm Unbekannten, optimistisch denken und ein Lächeln kosten nichts und machen das Leben schöner. Egal wer wir sind, egal wieviel wir haben und egal wo wir sind. Und das haben wir auf unseren Reisen gelernt, dass soll auch unser Karl von uns lernen und das kann uns niemand nehmen.

Blogparade

Mit diesem Beitrag nehmen wir an der Blogparade „Reisen verändert“ von Ferngeweht teil. Dort gibt es noch viele andere interessante Artikel.  Schau mal rein.

Reisen verändert

Kommentar verfassen